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BauernZeitung 19. April 2024, Gastbeitrag von Dani Knobel

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Medienmitteilung 16. April 2024



Nachhilfe für Fenaco –
ÖLN ≠ regenerative Landwirtschaft

In der Bauernzeitung vom 12. April wurde der Artikel «Grundidee entspricht ÖLN» abgedruckt mit der Kernaussage, dass der ÖLN eigentlich das gleiche sei wie die regenerative Landwirtschaft. Zitiert wurde mehrfach Michael Feitknecht, Leiter des Departement Pflanzenbau der Fenaco und zukünftiger Vorsitzender der Geschäftsleitung der Fenaco Genossenschaft. Aus unserer Sicht sind in dem Artikel viele Falschaussagen und noch mehr Fehlinterpretationen der regenerativen Landwirtschaft, die wir gerne richtigstellen möchten.
Wie Feitknecht im Artikel sagt, ist die regenerative Landwirtschaft in den USA entstanden, dies ist so weit korrekt. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren vom Rodale-Institut (ähnlich dem FiBL) geprägt. Die Ideen und Erkenntnisse sind zum Teil schon viel älter und wurden durch Boden-Wissenschaftler:innen in den letzten Jahrzehnten genauer verstanden und präzisiert. Daraus sind fünf Prinzipien entstanden:

1) Bodenruhe:
• möglichst geringe Störung des Bodens
• Verzicht auf intensive Bodenbearbeitung
• möglichst keine Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel
• angepasste Pflanzenernährung (Düngung)

2) Bodenbedeckung:
möglichst ständige Bodenbedeckung z.B. durch
• Kulturpflanzen
• Zwischenfrüchte oder Untersaaten
• Mulch

3) lebende Pflanzen:
• möglichst immer lebende Wurzeln im Boden, damit die Wurzelexsudate (Wurzelausscheidungen) der Pflanzen das Bodenleben ernähren

4) Vielfalt
• möglichst hohe Vielfalt der Kulturpflanzen
• vielfältige Fruchtfolge
• Mischkultur
• vielfältige Untersaaten und Zwischenfrüchte
• Biodiversität
• verschiedene Betriebsstandbeine

5) Mögliche Integration von Tieren
• ganzheitliches Weidemanagement
• Tierwohl
Die regenerative Landwirtschaft ist eine vielfältige Bewegung mit unterschiedlichsten Ausprägungen. Die Basis aller Strömungen sind jedoch diese fünf Prinzipien.

Flächendenkende regenerative Landwirtschaft in der Schweiz?

Die Gleichung der Fenaco – ÖLN = regenerative Landwirtschaft ist auf den ersten Blick vielleicht etwas nachvollziehbar. Der ÖLN beschreibt ähnliche Punkte wie die fünf Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft, er gibt Vorgaben zur Tierhaltung, Düngerbilanzen, Fruchtfolge, Bodenbedeckung etc. Die beiden Begriffe jedoch als identisch zu bezeichnen hat mit einem Etikettenschwindel zu tun. Schauen wir nur ein bisschen tiefer in die Thematik, so muss nach Gemeinsamkeiten gesucht werden.

Starten wir z.B. mit dem ersten Prinzip der Bodenruhe. Dazu Feitknechts Zitat «in der Schweiz würden regenerative Praktiken bereits seit Jahren und flächendeckend umgesetzt». Fahren wir im Frühling durch die Schweiz zeigt sich jedoch ein komplett anderes Bild. Der Pflug ist in der Schweiz immer noch omnipräsent. Stickstoffdünger etc. sind eine gängige Praxis. Beides sind wichtige Punkte der regenerativen Landwirtschaft. Das Ziel ist es, eine möglichst flache Bodenbearbeitung zu machen oder wenn möglich auf die Bodenbearbeitung ganz zu verzichten, der Pflug sollte nur noch im Notfall verwendet werden. Der Einsatz von Düngemitteln vor allem von N- und P-Düngern zerstört die Verbindungen von Pflanze und Boden, dies macht die Pflanzen danach abhängig. Einerseits von Düngemitteln und andererseits von Pflanzenschutzmitteln — eine Düngung ist ein Eingriff in den Boden und die oben genannten negativen Effekte treten leider schon bei Düngemengen weit unter den Düngungsnormen auf. (Die wissenschaftlichen Arbeiten von Dr. Christine Jones und vielen anderen haben das eindrücklich gezeigt.) Zu behaupten die Schweiz setzte das Prinzip der Bodenruhe flächendeckend um ist damit nicht gegeben.

Schauen wir kurz noch beim zweiten Prinzip der Bodenbedeckung rein. Hier ist in den letzten Jahren viel gegangen und wir finden im Herbst auf sehr vielen Flächen Zwischenfrüchte. In dieser Hinsicht ist die Schweizer Landwirtschaft sicher weiter als viele Agrarstaaten. Bezüglich Artenvielfalt in den Gründüngungen besteht sicher noch Entwicklungsspielraum, denn viele Untersuchungen wie das Jena-Projekt und das CATCHY-Projekt haben eindrücklich gezeigt, wo hier Potenzial liegt. Untersaaten sind in der Schweiz alles andere als die Norm und hätten einen sehr grossen Effekt auf die Bodenfruchtbarkeit. Dies insbesondere im Getreide, das während der Zeit der grössten Sonneneinstrahlung abreift und damit keine Photosynthese mehr betreibt. Auch hier zu sagen die regenerative Landwirtschaft sei flächendeckend umgesetzt ist falsch!

Fenaco dichtet sich eine eigene Form der regenerativen Landwirtschaft

Spannend ist auch die Definition von Feitknecht, was regenerative Landwirtschaft sei. Zu Beginn finden wir ein paar stimmige Sachen wie eine breite Fruchtfolge bzw. Mischkulturen, Massnahmen wie Gründüngungen. Was jedoch moderne Methoden der Pflanzenzüchtung (wir gehen davon aus Feitknecht meint die CRISPR/Cas9-Methode damit) und integrierter Pflanzenschutz mit regenerativer Landwirtschaft zu tun haben ist uns ein Rätsel. Gehen wir dazu ins Ursprungsland der regenerativen Landwirtschaft der USA, da sind genau die gentechnischen Verfahren schon fast Standard. Egal ob neue oder alte Gentechnik, uns ist kein:e prominente:r Vertreter:in der regenerativen Landwirtschaft bekannt die sich für die Gentechnik einsetzt, im Gegenteil! Die moderne Pflanzenzüchtung entspricht nicht den Zielen der regenerativen Landwirtschaft! Regenerative Züchtungsziele währen z.B. Zucht auf möglichst grosse Wurzelmasse, Züchtung auf ein aktives Endophythen-Biom, welches die Pflanze stärkt, Zucht auf eine hohe Ausschüttung von Wurzelexsudaten, um das Bodenleben zu ernähren. Dies lässt sich nicht in einem sterilen Labor züchten. Dazu braucht es einen fruchtbaren Boden.
Wer die These aufstellt, dass integrativer Pflanzenschutz ein Teil der regenerativen Landwirtschaft sei, hat sich wirklich nicht mit dem Thema beschäftigt. Die Community um regenerative Landwirtschaft versucht den Pflanzenschutz neu zu denken. So wird oft nicht mehr von Schädling und Nützling gesprochen, sondern einfach von Insekten. Was ist die Basis einer kranken Pflanze? Warum gibt es Blattläuse auf meiner Kultur? Die Antwort liegt oft in Nährstoffungleichgewichten und degenerieren Böden mit einem fehlendem Mikrobiom. Doch genau da setzt die regenerative Landwirtschaft an. Klar werden manchmal Pflanzenschutzmittel eingesetzt, jedoch mit dem Ziel, davon weg zu kommen und dem Fokus, weg von der Bekämpfung, hin zu einer Förderung des Boden-Mikrobioms und hin zu den Nährstoffgleichgewichten zu gelangen.

Reines Marketing?

Schon fast zynisch hört sich die Aussage über grosse Lebensmittelkonzerne von Feitknecht an, welche sich regenerative Landwirtschaft auf die Fahne schreiben, viel Ankündigen und dann wenig umsetzten, dies habe vor allem mit Marketing zu tun. Was Feitknecht vorschlägt, heisst schlicht und einfach: «weiter so, wie bis jetzt, wir machen ja schon alles richtig!» NEIN, wir haben einige Schritte getan jedoch kämpft die Schweizer Landwirtschaft weiterhin mit Erosion, Verdichtung, hohen Selbstmordraten etc. Wir müssen uns weiterentwickeln. Die Fenaco wird wohl dabei nicht unser Partner sein.

Der Unterschied im Kopf

Der wichtigste Unterschied scheint aus unserer Sicht allerdings im Gedankengut zu liegen:
In der regenerativen Landwirtschaft machen wir uns Gedanken über unsere Ziele. Über kurz- und langfristige, über Bodenaufbau, über Humusaufbau, Bodenleben, Wirtschaftlichkeit, zukünftige Generationen, soziale Auswirkungen für die Bauernfamilien, die lokale Bevölkerung und die Weltgemeinschaft, über Nahrungsmittelsicherheit, Gesundheit und Geschmack der Lebensmittel. Wir setzen uns diese Ziele nicht nur, sondern wir überprüfen auch, ob wir mit unseren Massnahmen in die Richtung unserer Ziele kommen. Und wir diskutieren das erreichte, stellen es in Frage und tauschen uns auch über Rückschläge aus. Wir brauchen Partner:innen und Konsument:innen, die mit uns in diesen Dialog treten und unsere Erfolge und Misserfolge mittragen. Das braucht kein Label aber das braucht echtes Interesse von allen.

Und noch etwas: In der regenerativen Landwirtschaft entscheiden wir selber über die Massnahmen, die wir auf unseren Betrieben einsetzen. Im ÖLN sind es allzu oft andere, die uns vorschreiben, was wir zu tun haben.

Regenerative Landwirtschaft ≠ ÖLN

Dani Knobel und Andreas Bräuninger
regenerativ-Ostschweiz
www. regenerativ-ostschweiz.ch
hallo@regenerativ-ostschweiz.ch

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